Methodik

Urteilsstil oder Gutachtenstil — wann was?

Beide Stile gehören in jede Klausur, aber an die richtigen Stellen. Wer überall den Gutachtenstil verwendet, verliert Zeit; wer ihn an der falschen Stelle weglässt, verliert Punkte. Hier ist die Faustregel, die das auflöst — mit Beispiel.

Lesezeit ca. 6 Minuten · Juristische Methodik

Der Unterschied zwischen den beiden Stilen ist auf den ersten Blick nur eine Frage der Reihenfolge. Der Gutachtenstil stellt die Frage voran und arbeitet sich zum Ergebnis vor: erst der Obersatz im Konjunktiv, dann Definition, Subsumtion, Ergebnis. Der Urteilsstil dreht das um: Er nennt zuerst das Ergebnis und liefert die Begründung hinterher, eingeleitet mit „denn" oder „weil".

Hinter dieser scheinbar kleinen Differenz steckt aber eine inhaltliche Entscheidung — nämlich, ob eine Frage überhaupt der Erörterung wert ist. Genau daran hängt, wann du welchen Stil benutzt.

Dasselbe Merkmal in beiden Stilen

Gutachtenstil

A müsste einen Menschen getötet haben. Ein Mensch ist der lebende Träger menschlichen Lebens ab der Geburt. Das Opfer O war zum Tatzeitpunkt lebendig und geboren. Folglich ist O ein Mensch.

Urteilsstil

O ist ein Mensch, denn er war zum Tatzeitpunkt lebendiger, geborener Träger menschlichen Lebens.

Beide sind richtig — aber nur einer ist hier angebracht. Dass O ein Mensch ist, bestreitet niemand. Den ganzen Vierschritt dafür aufzufahren, kostet Zeilen und Zeit, ohne einen einzigen Gedanken zu zeigen. Hier gehört der Urteilsstil hin.

Die Faustregel

Sie lässt sich in einem Satz sagen: Gutachtenstil dort, wo etwas problematisch ist; Urteilsstil dort, wo das Ergebnis offensichtlich ist. Problematisch heißt nicht „schwierig für dich", sondern „ernsthaft begründungsbedürftig" — wo es eine vertretbare Gegenansicht gibt, wo der Sachverhalt eine Auslegung verlangt, wo ein Streit zu verorten ist. Offensichtlich heißt: Jeder vernünftige Jurist käme ohne Nachdenken zum selben Ergebnis.

Praktisch bedeutet das: Du steigst in jedes Tatbestandsmerkmal im Urteilsstil ein und schaltest erst dann in den Gutachtenstil, wenn ein echtes Problem auftaucht. Die unproblematischen Merkmale hakst du knapp ab und sparst die Zeit für die Stelle, an der die Klausur wirklich entschieden wird.

Warum das über die Note entscheidet

Zwei Fehler sind hier teuer. Wer alles im Gutachtenstil schreibt, produziert seitenweise Selbstverständlichkeiten und kommt am Ende in Zeitnot, bevor er das Hauptproblem erreicht. Wer dagegen das Hauptproblem im Urteilsstil abhandelt, nimmt das Ergebnis vorweg, statt es zu entwickeln — und verschenkt genau die Punkte, für die die Klausur gestellt wurde. Die Stilwahl ist deshalb keine Formfrage, sondern ein Signal dafür, ob du erkannt hast, wo der Schwerpunkt liegt.

Das Gespür dafür, was „problematisch" ist, entwickelt sich nicht beim Lesen, sondern beim Schreiben unter Korrektur. Oft merkt man erst an der Rückmeldung, dass man ein echtes Problem im Urteilsstil verschenkt oder eine Banalität im Gutachtenstil aufgebläht hat.

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